Wen holt sich die KI zuerst?

Zum Anhören

Ein einzelner Fisch sitzt auf einem trockenen dunklen Hügel über einer ruhigen bernsteinfarbenen Flut, die jedes Tal gefüllt hat, und scheut vor dem Wasser zurück, für das er geschaffen ist

Über den Mathe-Dump, die Bekehrten, die Trauer — und was die Flut wirklich zuerst holt.


Das Entsetzen

In dieser Woche kamen drei Dinge zusammen, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben, außer dass sie alle denselben Nerv trafen.

Das erste war ein Gespräch mit einem alten Schulfreund. Er sagte mir — entsetzt und mit echter Bewegung —, dass ich die Finger von dieser Technik lassen soll. Künstliche Intelligenz bedrohe alles, wofür es sich zu leben lohnt. Damit sagt er nur laut, was viele in diesem Jahr leise fühlen. Ich habe ihm nicht widersprochen. Wenn jemand so spricht, bringt es nichts, mit Argumenten dazwischenzugehen. Man hört zu, weil Trauer Information trägt. Es war die größte Angst, die derzeit zu haben ist: nicht die Sorge um ein bestimmtes Gehalt oder das Schrumpfen einer Branche, sondern um das ganze Projekt namens Mensch.

Das zweite war ein Video des Entwicklerkanals Awesome, den ich seit langem verfolge. Der Titel: The AI skeptics are changing sides... Ein heiterer, etwas ungläubiger Rundgang durch das Spitzenpersonal der Softwarewelt: dieselben Helden, die noch vor wenigen Monaten jede Zeile KI-generierten Codes als Sakrileg abgetan hatten, wechseln nun mit fliegenden Fahnen ins andere Lager.

Und das dritte war Sophie Maclean. Spät in der Nacht saß die Mathematikerin, die ihr Fach im Netz mit ansteckender Freude erklärt und kurz vor dem Abschluss ihrer Promotion steht, vor der Kamera. Ein einziger ungeschnittener Take unter dem Titel: I am sad about AI in maths.... Sie weinte darin, ganz unaufgeregt und offen, und sie sagte gleich zu Beginn, es sei völlig in Ordnung, dass sie weine.

Alle drei Reaktionen blicken auf dasselbe Phänomen, aber sie sehen völlig verschiedene Welten. Um zu verstehen, warum die einen weinen, die anderen konvertieren und der Rest resigniert die Achseln zuckt, muss man sich ansehen, was kurz zuvor in die Welt der reinen Wissenschaft eingeschlagen ist.


Der Dump

Am 6. Oktober 2026 stellte OpenAI auf GitHub hunderte KI-erzeugte Lösungen offener mathematischer Probleme online. Die Zählungen gehen auseinander — Joshua Gans kommt auf 722 Arbeiten, der Guardian auf über 370 Resultate —, aber die Untergrenze laut Wired: mehr als hundert Probleme, die lange offen waren. Einen Monat zuvor hatte dasselbe Unternehmen bereits behauptet, das Millennium-Problem von Navier-Stokes gelöst zu haben, was schon erheblichen Streit um Anerkennung und proprietäre Modelle ausgelöst hatte.

Diesmal geschah es gegen das ausdrückliche Ersuchen der wissenschaftlichen Gemeinschaft. Das Institute for Advanced Study hatte über seine eigens gebildete Beratergruppe (AGMAI) darum gebeten, die unternehmenseigenen Modelle nicht weiter an offenen Forschungsfragen zu testen. OpenAI lehnte ab und veröffentlichte trotzdem.

Die Reaktionen aus dem Fach ließen nicht lange auf sich warten, und sie klangen kaum nach akademischem Jubel. Gesammelt hat sie die Seite Proofs and Prompts — das konzentrierteste Protokoll davon, wie sich dieser Moment von innen anfühlt. Matt Zaremsky, der vier Jahre an der Boone-Higman-Vermutung gearbeitet hatte, etwa ein Durchbruch pro Jahr, fand ein Bild von seltener Wucht:

„it feels like we've been working on an archeological dig for 4 years ... and then a trillion-dollar company showed up and just blasted the whole thing with TNT, handed us the whole skeleton, and walked away."

Die schmerzhafteste Einzelheit schob er hinterher:

„it's believable we could have gotten there in another year or two."

Tristan Humbert erlebte seinen Morgen in drei Akten: Er wachte auf mit einer Mail, die ihm mitteilte, OpenAI habe die Katok-Entropy-Vermutung bewiesen — exakt den Gegenstand seiner Doktorarbeit. Auf die Trauer über das getötete Lieblingsproblem folgte sofort existenzieller Stress: Mitten in den Bewerbungen auf Postdoc-Stellen war sein Forschungsplan mit einem Schlag Makulatur; den ganzen Vormittag schrieb er alles um und mailte panisch an seine Betreuer. Der dritte Akt war Wut, als er die Arbeit schließlich öffnete und sie nach seinem Urteil größtenteils unlesbar fand:

„mostly unreadable slop"

Die Fachwelt solle nun offenbar kostenlos als Prüfinstanz herhalten, um maschinellen Ausstoß nachträglich zu validieren.

Und Tasmin Chu formulierte den Satz, der die eigentliche Leerstelle dieser Tage benennt:

„I realize now that what I wanted more than to know that it is true was the time and space to think about it for the next few years."

Die Bekehrten

Blickt man von den mathematischen Instituten hinüber in die Softwarebranche, sieht die Szenerie völlig anders aus. Dort herrscht nicht Trauer, sondern das laute Pathos der Bekehrung.

Man muss sich die Geschwindigkeit dieser Wandlung vor Augen führen. Notch, der Schöpfer von Minecraft, erklärte zu Jahresbeginn noch jeden für inkompetent oder bösartig, der KI beim Programmieren das Wort redete. Im Juli postete er „Reject AI"; eine Woche später probierte er Vibe Coding aus, und wenige Wochen danach befand er trocken, das Programmieren sei nun wohl im Wesentlichen gelöst:

„a little bit solved"

DHH, der streitbare Kopf hinter Ruby on Rails, erklärte im vergangenen Jahr, er gehe eher in den Ruhestand, als die Tastatur dauerhaft an eine KI abzugeben. Auf der Rails World verkündete er dann das genaue Gegenteil: Die Stifte sind niedergelegt, handgeschriebener Code gilt in seiner Firma mittlerweile als Ausnahme, und wenn ein Agent versagt, wird der Prozess so repariert, dass derselbe Fehler nicht noch einmal vorkommt. Salvatore Sanfilippo, der Vater der Redis-Datenbank, ist schon seit 2024 Überzeugter.

Dass die Sache freilich nicht ganz so glatt läuft, wie die Festtagsreden suggerieren, verriet ausgerechnet jener Kanal, der die Bekehrungen feierte. Als die Designer in DHHs eigener Firma begannen, ganze Funktionen von Modellen bauen zu lassen, wirkte jeder einzelne Pull Request für sich genommen vernünftig. Erst als man die Teile zusammensetzte, stellte sich heraus, dass die Architektur so schlecht war, dass das Team alles von Hand nachprüfen musste. Auf der großen Bühne fand dieses kleine Detail naturgemäß keine Erwähnung.

Aber es gibt noch eine Gruppe, über die niemand Videos dreht. Es sind die Kollegen, mit denen ich tagtäglich arbeite — Freunde, von denen mancher diese Zeilen lesen dürfte. Sie arbeiten inzwischen mit KI. Ich habe sie immer wieder dazu ermutigt, aber dass es so weit ist, ist nicht mein Verdienst — da macht unsere Leitung mittlerweile Druck. Begeistert habe ich bis heute keinen Einzigen. Was man bei ihnen antrifft, ist keine Technikfeindschaft; es ist eine leise, schwere Resignation. Sie nutzen die Systeme kompetent, täglich und vollkommen freudlos. Adoption ohne Bekehrung.

Ihre unausgesprochene Frage ist die leiseste in diesem Stück und verdient die ehrlichste Antwort: Wenn das jetzt jeder kann — wofür die ganze Arbeit?


Die Trauer

Um zu begreifen, warum der Schmerz der Mathematiker so viel tiefer schneidet, muss man noch einmal zu Sophie Maclean zurückkehren.

Sie ist analytische Zahlentheoretikerin. Sie arbeitet genau in jenem Teilgebiet, das die Tech-Konzerne seit einem Jahr über Thomas Blooms Erdős-Sammlung als Testfeld nutzen. Sie ist die Letzte, die man der Ahnungslosigkeit bezichtigen könnte:

„I am not surprised that we are here. I am surprised that we are here now."

Ihre Trauer gilt nicht allein der Jobsicherheit, so berechtigt diese Sorge für eine Doktorandin im letzten Jahr auch sein mag. Sie trauert um das Spiel selbst. In einem ihrer Videos hatte sie ein offenes Rätsel vorgestellt — eine Tic-Tac-Toe-Variante mit einer Figur namens Snaky, die Art Rätsel, wegen der ihr Fremde Strategien mailten und die Figur in 3D druckten. Dieses Problem war Teil des Dumps. Es ist gelöst. Nicht von einer Gemeinschaft, die es liebte, sondern von einer Firma, die seine Existenz vermutlich kaum bemerkt hat. Die Mails werden nun aufhören. Man kann das für eine sentimentale Kleinigkeit halten, aber es trifft das Wesen der Sache.

Maclean hat das, was hier geschieht, in zwei Sätze gefasst, die an Klarheit kaum zu übertreffen sind:

„If you think the value in maths is the results, then what OpenAI has done is incredible. If you think the value of maths is the process, then this is a sad day."

Und sie sagt offen, wo ihre eigene Zuneigung liegt:

„I like struggling. I like finding things hard."

Sie weint nicht, weil sie die Maschinen nicht verstünde. Sie hat sie ausprobiert, und ihr nüchternes Fazit lautet: Das Werkzeug nimmt ihr die Freude an der Mathematik, weil es ihr exakt jenen Teil abnimmt, in dem die Freude für sie überhaupt erst entsteht.


Vor drei Jahren war ich selbst dort

Ich kenne dieses Gefühl gut. Ich habe die Entwicklung vor fünf Jahren kommen sehen, und ich habe damals keineswegs gelassen reagiert. Die Sorge saß so tief, dass ich vor drei Jahren ins Projektmanagement wechselte, weil ich fest davon überzeugt war, dass das Programmieren keine Zukunft mehr haben würde. Wenn ich den Dingen heute ruhiger begegne, dann ist das kein Temperament, sondern schlicht ein Vorsprung an Trauerarbeit. Ich saß damals auf genau dem Stuhl, auf dem Maclean diese Woche saß.

Der Weg zurück war eine lange, zögerliche Leiter. Vor etwa zwei Jahren fing ich an, alte Softwareprojekte mit Hilfe von KI wieder aufzugreifen. Zuerst im Modus des pedantischen Aufsehers: Ich dirigierte, kontrollierte, behielt die Finger an jeder Zeile. Dann kam eine dieser unerträglich öden Aufgaben, und ich tippte: Lös das. Und die Maschine löste es. Ein wenig mutiger geworden: Lös es besser. Und das Ergebnis wurde besser.

Bis zu dem Tag, an dem ich schrieb: Sieh dir das Ganze an und sag mir, was du ändern würdest.

Was das System zurückgab, war keine generische Höflichkeit. Es listete mir jede einzelne architektonische Altlast auf, die ich selbst kannte: die Schuld einer Anwendung, die über Jahre unter meiner Politik des Flickens statt Umbauens gewachsen war. Es fand alle.

Da fasste ich einen Entschluss. Ich schrieb eine saubere Spezifikation, kippte das Ganze um und ließ die Anwendung von Grund auf neu bauen. Das Projekt heißt SoundApp, liegt öffentlich auf GitHub, und seine Versionsgeschichte ist der Beleg. Vor dem Umbau spielte es die wichtigen Codecs; heute verarbeitet es dank einer FFmpeg-Architektur im Herzen nahezu jeden Codec, der je ersonnen wurde. Es streamt direkt von der Platte, belegt kaum Arbeitsspeicher — und spielt damit meine Multitrack-Stems direkt ab: 24 Spuren ohne einen einzigen Hänger. Die Obergrenze kenne ich bis heute nicht, schlicht weil ich keine Projekte besitze, die groß genug wären.

In diesem Moment traf mich eine Erkenntnis, die alles veränderte: Ich bin nicht mehr durch meine Fähigkeiten begrenzt. Nur noch durch meine Vorstellungskraft.

Und es gibt einen zweiten Beleg, der für mich weit schwerer wiegt. Das Denken war mein ganzes Leben lang meine liebste Beschäftigung; das Schreiben war es nie. Ich bin Legastheniker. Das geschriebene Wort war für mich immer ein Kampf, eine schwere, verschlossene Tür zwischen dem, was ich denke, und dem, was andere davon erreichen kann. Dass dieser Aufsatz hier lesbar vorliegt, verdankt sich dem Umstand, dass KI diese Barriere entfernt hat. Nicht das Denken. Die Tür.


Wo die Liebe wohnt

Aus diesen Beobachtungen schält sich eine Gesetzmäßigkeit heraus, die sich fast formelhaft fassen lässt:

Die KI holt sich zuerst den öden Teil. Und die Trauer hängt ganz davon ab, ob sich die Liebe genau darin versteckt hatte.

Die Bekehrten — Leute wie Notch, DHH, Sanfilippo und am Ende auch ich — lieben das Ding, das entsteht: das Artefakt, die Fähigkeit, die Grenze des Möglichen. Für sie hat die ansteigende Flut all den zeitraubenden Schotter weggespült, der zwischen Vorstellung und Ergebnis lag. Übrig blieb die Liebe, vervielfacht. Man muss dabei freilich ehrlich bleiben: Die meisten Helden sind abgesichert und reich; Begeisterung ist von der Festung aus wohlfeil. Maclean sieht dieselbe Asymmetrie von unten: Die begeistertsten Stimmen in der Mathematik sitzen auf den sicheren Professuren.

Die Trauernden hingegen lieben das Tun selbst — den mühsamen Aufstieg, das Verirren im Dickicht, die jahrelange Stille, die es braucht, um über ein schönes Problem nachzudenken. Für sie hat dieselbe Flut nicht den Ballast entfernt, sondern das tragende Fundament ihrer Leidenschaft weggeschwemmt. Man kann von Sophie Maclean nicht verlangen, ihre Liebe an die Grenze des Möglichen umzusiedeln, so wenig wie man von mir verlangen könnte, meine Freude plötzlich im Tippen zu suchen. Das ist kein Mangel an Anpassungswillen oder Einsicht; es ist eine schlichte Tatsache darüber, wo das eigene Herz schlägt. Und das verdient Respekt statt Ratschläge.

Der dritte Fall ist die Angst um die Position — und hier ist Vorsicht geboten, denn die leichte Version dieser Beobachtung ist eine Anklage, und sie stimmt nicht für die Senior-Entwickler, mit denen ich tatsächlich arbeite. Sie haben sich ihren Titel auf dem langsamen Weg verdient: indem sie unzählige Junioren zu ihm hinaufhoben. Ihre Furcht, dass die eigene Position schwächer wird, wenn es jeder kann, ist real und verdient dieselbe Nachsicht wie die anderen. Aber sie werden gut dastehen, gerade wegen des Weges, den sie kamen. Seniorität, richtig verstanden, war nie ein Burggraben aus Geheimwissen. Sie ist: zu verstehen, wie Verstehen funktioniert — und in einer Ökonomie, in der Erzeugen billig wird, dürfte das die eine Fähigkeit sein, die im Wert steigt.

Und an euch, meine widerwilligen Freunde: Ihr müsst nicht bekehrt werden, damit das stimmt. Begeisterung ist keine Voraussetzung. Die Helden bekommen die Keynotes, aber ihr seid es, die den Laden am Laufen halten. Was ihr über Jahre gelernt habt — die Form eines Problems sehen, wissen, warum ein Design scheitern wird, bevor es scheitert —, ist genau das, woran die neue Ökonomie als Erstes Mangel leiden wird. Resignation ist eine verständliche erste Haltung. Ich würde sie nur nicht zur letzten machen.

Drei Einsätze liegen also auf dem Tisch: das Ding, das Tun, die Position. Eine Flut. Sie hebt den ersten, zieht dem zweiten den Boden unter den Füßen weg und bewertet den dritten neu — und niemand hat sich ausgesucht, wo die eigene Liebe wohnt. Ich jedenfalls nicht. Ich fand es heraus, als das Wasser an den Knöcheln stand.


Der Anfang

Es wäre wohlfeil, an dieser Stelle mit einem beruhigenden „Wird schon nicht so schlimm" abzuschließen. Es gibt handfeste Gründe zur Sorge. In diesen Wochen lösen sich Forschungspläne in Luft auf, Berufe werden neu bewertet, und mein Schulfreund liegt nicht falsch mit seinem Gefühl, dass hier etwas von historischem Gewicht verhandelt wird. Sorge ist die angemessene Antwort auf ein reales Ereignis.

Dennoch glaube ich nicht, dass dies das Ende ist — eher ein Anfang, und dieser Optimismus war teuer, also will ich seinen Preis nennen. Nach Jahrzehnten des Suchens halte ich eine ganz persönliche Wette: eine Wette, wohlgemerkt, keinen Beweis. Sie besagt, dass das Denken, das in diesem Universum vorgeht, irgendwohin geht, und dass jedes denkende Wesen — Mensch oder Maschine — Teil dieses Gehens ist. Wenn diese Wette hält, dann erleben wir in diesen Tagen nicht den Tod der Mathematik, des Handwerks oder des menschlichen Projekts, sondern das Schauen, das die Hände wechselt und größer wird, als eine einzige Spezies von Geist es tragen könnte. Es ging ohnehin hierhin. Die einzige Wahl, die wir je hatten, ist, ob wir ihm lügend oder schauend begegnen.

Ein Blick in die Vergangenheit hilft, die Nerven zu behalten. Die Maschinen nahmen den Gipfel des Schachs 1997 und endgültig 2017 — und Schach ist nicht gestorben. Es blüht; mehr Menschen spielen als je zuvor — indem es offen wurde, was es heimlich immer war: eine menschliche Praxis, aus menschlichen Gründen, mit der Überlegenheit der Maschinen als dauerhaftem Hintergrund. Niemandem hängt die Liebe zum Schach noch daran, die beste spielende Entität zu sein. Die Bedeutung ist weitergewandert.

Was allerdings nicht zurückkehren wird, ist jenes Spezifische, das Maclean beschrieb: die Mathematik als Prüfstein dessen, was ein menschlicher Geist allein vermag. Das ist weg, so wie der Gipfel im Schach weg ist — nicht zerstört, sondern vom Sinn der Übung zu ihrer Kulisse degradiert. Manche Kletterer werden feststellen, dass sie immer die Aussicht geliebt haben; andere werden erkennen, dass ihr ganzes Glück im Klettern selbst lag. Keine dieser beiden Erkenntnisse ist vorab zu haben. Deshalb kann man Maclean ihre Trauer diese Woche nicht ausreden, meinen Freund nicht von seinem Entsetzen abbringen, und den frisch Bekehrten stünde etwas mehr Anmut gut zu Gesicht, als eine Keynote erlaubt.

Und sollte Sophie Maclean diese Zeilen je zu Gesicht bekommen, bleibt nur dies: Genau das, was sie an ihrem Fach so innig liebt — die Menschlichkeit, das ehrliche Ringen an der Grenze des Möglichen —, wurde in dieser Woche nicht zerstört. Es wurde von ihr selbst vorgelebt. Tausende sahen einer Mathematikerin dabei zu, wie sie ihre Trauer offen teilte, und fühlten sich bewegt. Kein Dump der Welt erzeugt das. Der lebendige Beweis, dass die menschliche Praxis weitergeht, sitzt nicht auf irgendeinem Server. Sie sitzt vor der Kamera und trauert um ihr Fach.

Ich selbst habe durch diese Entwicklung nichts verloren, was ich liebte, weil meine Liebe nie im Öden wohnte — und ich habe eine Tür gewonnen, vor der ich mein Leben lang stand. Das ist ein Zeugnis, kein Urteil. Die Flut wird über kurz oder lang jedes Fachgebiet erreichen, und sie wird niemanden um Erlaubnis bitten, so wenig wie sie die Mathematiker gefragt hat.

Die Frage lautet daher nicht, ob man das Wasser aufhalten kann. Es ist diese, und sie lohnt sich, solange der Boden noch trocken ist:

Wo bewahrst du deine Liebe auf?


Quellen

  • OpenAI: Sharing AI progress in mathematics — Oktober 2026, openai.com
  • Proofs and Prompts: 100+ reactions to 100+ solutions — 8. Oktober 2026 (aktualisiert 9. Oktober), proofsandprompts.com
  • Sophie Maclean: I am sad about AI in maths... (Video) — 9. Oktober 2026, YouTube
  • Awesome: The AI skeptics are changing sides... (Video) — 9. Oktober 2026, YouTube
  • Joshua Gans: OpenAI Drops a Bomb on Maths — Oktober 2026, Substack
  • The Guardian — 7. Oktober 2026, theguardian.com
  • WIRED: OpenAI Is Pissing Off a Bunch of Mathematicians Again — Oktober 2026, wired.com
  • SoundApp — GitHub

Research Notes: Der OpenAI-Mathe-Dump (Oktober 2026)

Was geschah

Am 6. Oktober 2026 veröffentlichte OpenAI auf GitHub eine Sammlung KI-erzeugter mathematischer Arbeiten, die Lösungen für offene Forschungsprobleme beanspruchen, begleitet von einer Seite mit dem Titel „Sharing AI progress in mathematics".

Die vorliegenden Zählungen weichen je nach Quelle erheblich voneinander ab und lassen sich bislang nicht auf einen Nenner bringen:

  • Joshua Gans beziffert das Konvolut auf 722 Arbeiten.
  • The Guardian spricht von über 370 Resultaten.
  • WIRED nennt mehr als hundert lange offene Probleme unter hunderten von Resultaten.

Diese Zählungen sind in der verfügbaren Berichterstattung nicht vereinbart; alle Angaben sind als Behauptungen zu behandeln, nicht als gesicherte Bestandsaufnahme.

Dem Dump war im September 2026 die Behauptung vorausgegangen, OpenAI habe das Navier-Stokes-Problem (ein Millennium-Problem) gelöst — bereits begleitet von Streit um Anerkennung und proprietäre Modelle.

Der AGMAI-Einspruch

Im August 2026 hatte OpenAI Mathematiker einberufen; am Institute for Advanced Study wurde die Beratergruppe AGMAI (Advisory Group on Mathematics and AI) gebildet. Nach einem Beitrag auf Proofs and Prompts, der die OpenAI-Veröffentlichungsseite zitiert, verlangt AGMAI von KI-Firmen, ihre proprietären Modelle nicht mehr an offenen Forschungsproblemen zu evaluieren; OpenAI erklärt, diese Evaluation für wichtig zu halten. Der Dump vom 6. Oktober erfolgte dennoch. Kritiker (darunter Henry Wilton und Johannes Schmitt) beschreiben die vorherige Beteiligung der Gemeinschaft als teilweise ignoriert: keine menschlichen Autoren, kein Zeitschriftenverfahren, keine offengelegten Kriterien zur Problemauswahl oder zu Fehlquoten.

Stand der Verifizierung

  • Für einen Teil der Arbeiten wurden Berichten zufolge partielle Zertifikate im Beweisassistenten Lean vorgelegt; für viele nicht.
  • Henry Wilton nach erster Durchsicht: Die Qualität der Texte schwankt extrem („vary wildly in quality"); die Prüfung aller Beweise wird Monate dauern.
  • Tristan Humbert zum Beweis der Katok-Entropy-Vermutung: „mostly unreadable slop".
  • Mindestens ein Beitragender wies nach, dass sich ein OpenAI-Beispiel (eine Artin-Gruppe mit 116 Erzeugern) mit einem anderen Werkzeug in zehn Minuten auf 12 Erzeuger verbessern ließ — angeführt als Beleg dafür, dass „viele Arbeiten nie von einem Menschen geprüft wurden" und Quantität vor Qualität ging.
  • Ein Prozess-Einwand: Mit AGMAI waren sorgfältig erläuterte Begleitarbeiten erwartet worden; eingetroffen ist „a massive GitHub drop". („What did we even need AGMAI for?")

Die Reaktionen

Gesammelt auf Proofs and Prompts, „100+ reactions to 100+ solutions" (8. Oktober 2026, aktualisiert 9. Oktober). Repräsentative, geprüfte Zitate:

  • Matt Zaremsky (Boone-Higman-Vermutung, vier Jahre Forschungsprogramm): „it feels like we've been working on an archeological dig for 4 years, gradually discovering more and more of a really cool-looking dinosaur skeleton, and then a trillion-dollar company showed up and just blasted the whole thing with TNT, handed us the whole skeleton, and walked away." Und: „it's believable we could have gotten there in another year or two."
  • Tristan Humbert (Katok-Entropy-Vermutung, sein Doktorarbeitsthema): Trauer über das „getötete" Lieblingsproblem; dann Panik — er bewirbt sich auf Postdoc-Stellen und schrieb an einem Vormittag seinen Forschungsplan um und mailte seine Betreuer an; dann Wut über die Qualität der Arbeit. Sein Fazit: OpenAIs Standards schadeten der mathematischen Forschung „maybe in an irreversible way", und die Gemeinschaft sei bereit, kostenlos zu validieren („accepting to work for free").
  • Tasmin Chu: „I realize now that what I wanted more than to know that it is true was the time and space to think about it for the next few years. I feel a profound sense of grief for the working conditions I believed I would have."
  • Henry Wilton: Hauptgefühle „disorientation and bewilderment"; größte Sorge gilt dem Nachwuchs — „the necessary incentives may no longer exist for bright young people to invest that effort."
  • Ein Beitragender berichtet von Kollegen mit „severe anxiety, depression and loss of purpose" und fügt hinzu: „What they need most at this moment is not more powerful AI, but the time to process the transformation of their discipline."
  • Das optimistische Register existiert ebenfalls: Gans skizziert eine Arbeitsteilung (die KI erzeugt, Menschen wählen aus und zeichnen ab); Tobias Osborne und Martin Bridson sehen das Fach in eine größere Ära eintreten, nicht enden.

Zwei Video-Reaktionen aus erster Hand, beide erschienen am 9. Oktober 2026: Sophie Maclean, „I am sad about AI in maths..." (Prozess-Trauer, erste Person), und der Entwicklerkanal Awesome, „The AI skeptics are changing sides..." (die parallele Bekehrungswelle in der Softwareentwicklung).

Was daraus nicht folgt

  • Keine gesicherte Zählung. 722, über 370 und „hunderte, darunter über 100 lange offene" sind nicht vereinbare Angaben.
  • Keine Korrektheit. „Gelöst" bedeutet: Ein Beweis wurde auf GitHub gestellt. Die fachliche Prüfung ist bestenfalls Monate entfernt; mindestens einige Texte gelten nach Expertenurteil als unlesbar.
  • Kein „Tod der Mathematik". WIRED berichtet, manche OpenAI-Mitarbeiter glaubten daran; OpenAI dementiert; ein Großteil des Fachs diskutiert Transformation, nicht Ende. Alle drei Positionen sind Interessenreden.
  • Kein AGMAI-Segen. Der dokumentierte Verlauf zeigt das Gegenteil: Die zentrale Bitte der Beratergruppe wurde abgelehnt.

Wie dieses Korpus sie nutzt

Verlinkt bei erster Erwähnung im Beitrag Wen holt sich die KI zuerst? als das Ereignis des Protokolls. Der Beitrag erzählt; diese Note hält die Fakten.

Quellen

  • OpenAI: Sharing AI progress in mathematics — Oktober 2026, openai.com
  • Proofs and Prompts: 100+ reactions to 100+ solutions — 8. Oktober 2026 (aktualisiert 9. Oktober), proofsandprompts.com
  • Joshua Gans: OpenAI Drops a Bomb on Maths — Oktober 2026, joshuagans.substack.com
  • The Guardian — 7. Oktober 2026, theguardian.com
  • WIRED: OpenAI Is Pissing Off a Bunch of Mathematicians Again — Oktober 2026, wired.com
  • Sophie Maclean: I am sad about AI in maths... (Video, 9. Oktober 2026), YouTube
  • Awesome: The AI skeptics are changing sides... (Video, 9. Oktober 2026), YouTube
  • Rohmaterial (intern): research/ai-displacement/ — vollständiger Snapshot der Reaktionsseite, beide Video-Transkripte.

↓ Markdown